#1 Zeitungsartikel in der Braunschweiger Zeitung vom 16.06.2021 / Podcast von Butterfly 17.06.2021 20:55

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Liebesfalle Internet–„Ich wurde seelisch vergewaltigt “Beim„Love-Scamming“gaukeln Betrüger die große Liebe vor und prellen Opfer oft um vie lGeld. Eine Betroffene erzählt.



Braune Augen,Dreitagebart, Baseball-Cap.Lässig siehter aus,irgendwie sympathisch,aufgeschlossen. AnneSchmidt (Namegeändert)betrachtet das Profil des Mannes auf Facebook,das ihr sofortins Auge gesprungen ist. Wesley Glenn heißt er und wohnt bei Frankfurt. Ein Brite? Ein US-Amerikaner? Sie zögert kurz, klickt dann auf „gefällt mir“.Vielleicht wird dieser Wesley auch auf sie aufmerksam? Anne Schmidt ist eine Frau in den End-Vierzigern,als sie sich im Frühjahr 2018 über die sozialen Netzwerke auf die Suche nach einem Partnermacht. Sie hat lange keine Beziehung mehr gehabt, ihre Mutter ist vor Monaten gestorben, sie fühlt sich manchmal einsam,sehnt sich nach Halt.Sie ahnt nicht, was dieses „gefällt mir“ auslösen wird, dass sie in eine Falle tappt. „Ich habe damals nichts über ,Love-Scamming‘ gewusst“, sagt sie.

Über Liebes-Betrug im Netz. Heute weiß sie es besser.Anne Schmidt sitzt auf ihrem Balkon und blickt über das Geländer auf die Straße vor ihrem Haus. Manchmal muss sie nach Worten suchen, um ihre Gefühle zu beschreiben –zuschmerzhaft sind ihre Erinnerungen. Doch sie möchte erzählen,von Wesley Glenn, von dem Betrug, der großen Enttäuschung. Alles hat so viel versprechend angefangen.

Wesley meldet sich über den Nachrichtendienst Messenger bei ihr. Er sei US-Amerikaner,habe mal in Frankfurt gelebt, dort besitze er sogar noch ein Haus. Nun arbeite er aber als Stra-ßenbauingenieur in Afrika. Sie ist neugierig auf den Mann, der so nett und höflich schreibt. Schnell wird die Konversation immer vertrauter.

Wie geht es Dir? Hast Du gut geschlafen? Was machst Du gerade?

Sie schreiben sich mehrmals am Tag, tauschen sich über ihre Arbeit aus, reden oft auch über ganz belanglose Dinge – über das Lieblingsessen, ihre Lieblingsfarben, Lieblingsfilmeoder das Wetter – als würden sie sich ewig kennen. Dann telefonieren sie das erste Mal miteinander. Er spricht mit einem amerikanischen Akzent, seine Stimme ist tief und warm. Irgendwann spürt Anne Schmidt ein Kribbeln im Bauch, wenn sie ihn hört.„Er fand immer die passendenWorte, war überhaupt nicht aufdringlich“, sagt sie. „Ich hatte das Gefühl, dass er sich ehrlich für mich interessiert. Das tat sehr gut.

“Vor ihr auf dem Tisch liegen zwe iSmartphones, die Nummer des einen kennen nur ihre engsten Freunde und Bekannten. Das andere nennt sie ihr „Scammer-Handy“. Sie nutzt es, um mutmaßliche Betrüger in Gespräche zu verwickeln und sie anschließend als Schwindler zu entlarven

–„meine kleine Rache, weil ich das Spiel einfach umdrehen kann“, sagt sie. In diesem Handy hat sie noch die Chat-Verläufe mit Wesley gespeichert.

Wesley:Wie geht es Dir? Anne:Ich bin im Büro. Wesley: Bist Du beschäftigt? Anne: Ja. Ich schreibe Dir. In zweieinhalb Stunden habe ich Zeit. Wesley: Ich liebe Dich!


Liebe? Die Polizei warnt immer wieder vor Betrügern, die im Netz große Gefühle vorgaukeln, es aber tatsächlich nur auf das Geld der Opfer abgesehen haben. Vor allem auf dem Höhepunkt der Corona-Krise, der Zeit der Kontaktbeschränkungen und Lockdowns, hatte diese Masche Konjunktur. Die Betrüger gehen dabei sehr geschickt und vorsichtig vor, um sich das Vertrauen der Opfer zu erschleichen:„Auf eine romantische Mail am Morgen folgt ein kurzes Telefonat am Mittag, nach Feierabend wird gechattet oder stundenlang telefoniert. Bei den Gesprächen geht es zu Beginn keineswegs um Geld, sondern um den Beruf, die Familie sowie um Liebe und eine gemeinsame Zukunft“, heißt es auf der Internet-Seite der polizeilichen Kriminalpräventionder Länder und des Bundes. Auch Mario Krause, Leiter der Taskforce Cybercrime der Polizeiinspektion Braunschweig hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Kontaktaufnahme häufig über Wochen,wenn nicht Monate zieht: „Es wird eine emotionale Abhängigkeit geschaffen. Nach einiger Zeit st es sehr schwer, den Blick zu weiten und eine andere Perspektive einzunehmen.“

Auch Anne Schmidt will zunächst nur an das Gute m Menschen glauben, obwohl sie anfangs doch etwas zweifelt. Sie schreibt Wesley, dass sie schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht habe, dass sie es lieber langsam angehen lassen sollten. „Das tut mir leid“, antwortet er. Auch er sei zuletzt von einer Frau betrogen worden. Nun suche er eine Partnerin, mit der er sein Leben verbringen könne. Er fleht Anne an: „Enttäusche mich nicht.“ Beide machen Pläne: Er werde sie besuchen. Wesley nennt Anne „Sonnenschein“. Wesley: Du hast mein Herz erobert, meinen Körper, meine Seele. Anne: Irgendwie habe ich Schmetterlinge im Bauch, wenn ich an Dich denke. Ich hoffe, dass wir uns verstehen werden, wenn wir uns irgendwann mal treffen. Wesley: Oh ja, Baby. Ich kann es kaum erwarten ,Dich fest in meinen Armen zuhalten.

Die Komplimente, die schönen Worte – sie tragen Anne durch den Tag. Freunde mahnen sie, vorsichtig zu sein, sie blendet alle Warnzeichen aus. Wesley schickt Fotos von sich und seinem zehnjährigen Sohn, beteuert, dass sie ihm vertrauen könne. „Da war ich längst in dem Spinnennetz aus Lügen gefangen, habe die Realität nicht mehr gesehen“,sagt sie rückblickend. Immer wieder schiebt Anne Bedenken zur Seite – auch, als es irgendwann um Sex geht. Wesley bittet sie, Nacktbilder zu schicken. Anne zögert, eigentlich geht ihr das zuweit.

„Aber ich habe ihm vertraut, mein Herz sagte: Das kannst du machen.“ Sie glaubt an die große Liebe. Etwa vier Monate nachdem sie Wesley kennengelernt hat, bekommt sie eine Nachricht von einem Bekannten aus Nigeria. Wesley sei entführt worden. Er hätte bereits Lösegeld gezahlt, doch es fehle noch Geld. Ob sie etwas überweisen könne? Anne ist geschockt. Freunde warnen: Vorsicht, vielleicht ist das ein Betrüger. Als sich Wesley nach mehreren Tagen wieder bei ihr meldet, ist sie unendlich erleichtert. Ihm sei nichts passiert, beteuert er.Aber sein Geld, sämtliche Papiere, Karten, Ausweise – alles sei weg. Er könne noch nicht einmal mehr das Geld für das Hotelzimmer bezahlen, indem er gerade untergekommen sei. Sie überweist ihm Geld. Später kommen weitere Forderungen – ein Sohn sei krank,er müsse dringend operiert werden,er brauche Geld für Hotelrechnungen, für Flugtickets und und und. Wesley versichert,er werde alles zurückzahlen. Er werde sein Haus bei Frankfurt verkaufen.

Ein Jahr nach dem ersten Kontakt wähnt sich Anne Schmidt endlich am Ziel. Wesley will mit seinem Sohn nach Deutschland kommen. Wesley: Bist Du bereit, uns morgen vom Flughafen abzuholen? Anne: Ich bin total aufgeregt, aber ich freue mich! Wesley: Heute um 22Uhr würde ein Flug nach Hannover gehen. Es sind noch Tickets verfügbar Ich habe nu ein Problem: Es gib nicht genug Geld. Anne: Wesley, schon wieder? Sie zahlt. Doch auf dem Flughafen in Hannover kommt Wesley nie an – er meldet sich später,erklärt, dass ein Freund ihn abgefangen und in die USA verschleppt habe. Die Geschichten werden immer abenteuerlicher, immer abstruser, sagt Anne.„Da war mir endgültig klar: Das kann alles nicht stimmen.“Der Gedanke, dass Wesley nur mit ihren Gefühlen gespielt haben könnte, trifft sie wie ein Schlag.Erst kommen die Tränen,dann Wut und eine wilde Entschlossenheit,die Be-ziehung endlich zu beenden. Doch als sie ihm das durchs Telefon entgegenschleudert, droht er. Ihre Nacktfotos werde er bei Instagram und Facebook hochladen,die Bilder an ihre Freunde und Familie, an sämtliche deutschen Zeitungen schicken – wenn sie ihm nicht sofort 2500 Euro zahle. Auch die Summe überweist sie. Insgesamt werden es 8000 Euro sein, die sie nach Afrika transferiert – ohne dass sie Wesley jemals zu Gesicht bekommt. „Da salles war ein richtiger Schock“, sagt Anne. „Ich habe tagelang geheult.“

Anne geht zur Polizei und erzählt die ganze Geschichte. Doch die Beamten machen ihr keine Hoffnung, dass sie das Geld jemals zurückbekommt: Der Mann, der sich Wesley nennt, ist in Wirklichkeit einanderer; die verwendeten Fotos sind aus dem Internet geklaut.

„Love-Scammer“ sitzen meist irgendwo im Ausland und können nicht ermittelt werden. Und auch bei digitalen Geldtransfersist die Spur schwer zu verfolgen. Mario Krause von der Polizei in Braunschweigwarnt deshalb:„Die Täter gehen sehr geschickt vor, sie bahnen die Beziehung zu ihren Opfern über einen langen Zeitraum an und erschleichen sich ihr Vertrauen. Doch wenn Geld ins Spiel kommt, sollten die Alarmglocken angehen.“Kann Anne jemals wieder einem Menschen vertrauen? Das Thema is tständig in ihrem Kopf, sie wird es nicht mehrlos. Der Verlust des Geldes, das tue zwar weh, sagt sie. Aber viel schlimmer noch sei der Missbrauch des Vertrauens. Sie hat sich eine neue Handy-Nummer und E-Mail-Adresse zugelegt, ihren Facebook-Account gelöscht, viel mit Freunden über ihre Geschichte gesprochen. Inzwischen tauscht sie sich in einem Internet-Forum mit anderen „Scamming“-Opfern aus. Dass siemit ihrem „Scammer-Handy“ immer wieder mutmaßliche Betrüger in den sozialen Netzwerken an-chreibt, um sie am Ende auflaufen zu lassen, ist ihre Form, die Erlebnisse zu verarbeiten. „Ich bin seelisch vergewaltigt worden“, sagt sie. So fühle es sich an. Die seelischen Narben bleiben. Doch sie möchte helfen und verhindern, dass anderen Menschen das Gleiche wider-fährt wie ihr.Sie will nicht, dass sich noch meh Menschen derart hintergangen und ausgenutzt fühlen – und womöglich finanziell ruiniert werden. Denn auch das sei am Ende für die Betrogenen wichtig: das Gefühl zu bekommen, nicht allein zu sein.

#2 RE: Zeitungsartikel in der Braunschweiger Zeitung vom 16.06.2021 / Podcast von Bastet 18.06.2021 22:03

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@Butterfly Ganz tolles Interview im Podcast

Liebe Grüße
Angie

#3 RE: Zeitungsartikel in der Braunschweiger Zeitung vom 16.06.2021 / Podcast von Butterfly 19.06.2021 08:26

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Hallo @Bastet

Das Interview und der Podcast liefen auch super. Die Reporterin wurde durch die Sendung bei Aktenzeichen XY auf das Thema aufmerksam. Ich stehe mit der Reporterin noch in Kontakt via E-Mail. Sie sagte, dass sich bereits Betroffene gemeldet haben. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Leute sich auch hier melden.

Liebe Grüße Butterfly

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